Interview mit Casper
Casper muss man wohl niemandem aus Bielefeld und Umgebung (und mittlerweile auch sicher weit darüber hinaus) noch vorstellen… Seit Jahren zeigt er, dass intelligenter HipHop nicht verkopft und langweilig daherkommen muss, um Leute zu bewegen. Seine Tätigkeit ins Bands wie A FEAR CALLED TREASON und NOT NOW NOT EVER zeigt darüber hinaus, wie gut es für die Musik ist, wenn Leute über den eigenen Tellerrand blicken können, wenn sie ihren Horizont erweitern und wenn sie ihre Scheuklappen ablegen. Nachdem Casper vor kurzem nach Berlin gezogen ist und dort weiter an seinem nächsten Album arbeitet, war es Zeit, mal eine kurze Standortbestimmung vorzunehmen. Benjamin hat es auch in diesem Interview geschafft, seine ehrliche Sicht der Dinge kund zu tun und sich nicht von irgend einer Szene vereinnahmen zu lassen. Herausgekommen ist dieses ausführliche Interview, Anfang März 2010.
Bexx: Du bist bei den JUICE Awards von den Lesern zum besten Newcomer Deutschlands 2009 gewählt worden, was bedeutet dir so eine Auszeichnung?
Casper: Auch wenn Unkenrufe bezüglich der JUICE Awards durch die Szene gehen, so freue ich mich über jede einzelne Nominierung oder auch Auszeichnung. Ich meine, Votingarmee hin oder her, ich denke nicht, dass ich so large bin, so etwas zu haben, außerdem haben wir nie großartig dazu aufgerufen. Das heißt dann ja im Umkehrschluss, dass da wirklich Leute explizit auf eine Seite gegangen sind, um irgendwo meinen Namen einzutippen. Das ist doch der Wahnsinn! Im Endeffekt wird doch eh keiner reich, ich mach das alles nicht mal wegen Kohle, arbeite nebenbei ganz normal, fahre Bahn wie jeder andere auch. Solche Awards oder vor allem auch live spielen und dort Echo und Feedback zu bekommen... Das ist doch das wirklich Schöne. Verkäufe hin, Verkäufe her.
Bexx: Dein neues Album ist für das Frühjahr angekündigt, wie ist der Stand der Dinge?
Casper: Ach, wie das bei mir immer so ist ...... Angefangen, Sachen Scheiße gefunden, neu angefangen, neuer Titel, alles alte weggeschmissen, vier millionen Ideen, Druck von außen und Nervenzusammenbrüche. Wirklich, ich bin studio-mäßig gesehen der wahrscheinlich mieseste Arbeiter im Musikgeschäft aller Zeiten. Live ist toll. Alles ist super, touren liebe ich über alles! Aber dieses Platten machen und die anschließende Meinungsschlacht... Das balancieren von Erwartungen und Erfüllungen: Sich lieber künstlerisch verwirklichen oder doch die Leute lieber nicht vor den Kopf stoßen? Inwiefern ist das cool, was ich mache?
Im Endeffekt finde ich es sehr wichtig, zwischen Platten zu LEBEN. Etwas Neues zum Erzählen zu haben. Neue Herzbrüche, Eindrücke, Städte, Menschen, Nachrichten, Geschehnisse, Weltbilder, in Ruhe ein bisschen älter werden und DANN in den Prozess eintreten, was Neues aufzunehmen. Dieses raushämmern von Platten am Fließband finde ich irrsinnig. Die paar Leute, die jetzt noch Musik kaufen, werden doch bald eh schon keinen Bock mehr drauf haben, weil ihnen immer nur lauwarme Scheiße vorgesetzt wird, an Stelle eines ausgewählten, sättigenden Buffets. Lieber werde ich kein Star, kein Held, habe aber 3 Platten gemacht, die unpeinlich und durchdacht sind, als 20 Alben und Megastardom. Das finde ich wichtig!
Bexx: Von den Sachen, die du mir schon vorgespielt hast, ist mir vor allem ein würdiger Nachfolger für ‚Stampf ihn ein‘ und ‚Komm ma‘ ran‘ hängen geblieben, ist es dein Ziel, wenigstens ein Stück dieser Gangart auf deinen Alben zu haben?
Casper: Wirklich, und GANZ ehrlich... Wenn es nach mir ginge, wäre die nächste Platte ein deprimierendes Werk, welches lediglich auf minimalen click’n’paste-Teppichen passieren würde. Komplett in sich gekehrt, stimmig, unfassbar bedrückend und alles rauskotzend. Leider bin ich nicht auf dem Stand, diese Platte jetzt machen zu können... und da ich live nicht annähernd da bin, wo ich noch spielen könnte, sehe ich diese Abgeh-Rapnummern als notwendiges Übel. So mal ganz unter uns - diese ganzen Rap-Dogmata sind einfach so beengend, so deprimierend und auch zu einem Teil wirklich blöd... Aber um die Regeln zu ändern, muss man, denke ich, bis zu einem gewissen Grad das Spiel gespielt haben.
Bexx: Bei den anderen Tracks, die ich schon gehört habe, ist mir aufgefallen, dass die auf den letzten Alben oft eher im Streicher- / Piano-Gewand gehaltenen langsameren Tracks jetzt eher einen Einschlag in Richtung THE SMITHS und JOY DIVISION bekommen haben. Siehst du, was die Beats angeht, auch so eine Entwicklung?
Casper: Momentan erwartet doch jeder diese unglaubliche Bastard-Indie-Pop-Punk-Rap-Scheibe von mir. Nur sehe ich es nicht in mir, Ohrwürmer zu schreiben. Irgendwie ist auch dieses rappen schon wieder so beengend an sich.
Alles muss sich immer reimen, natürlich auch immer wahnsinnig gut geflowt sein, technisch versiert rüberkommen und DANN aber bitteschön auch noch großes Gefühlskino inklusive. Du sitzt dann im Studio vor einem riesigen Berg an Aufgaben und machst resigniert schon den Computer aus, bevor Kreativität sich überhaupt entfalten kann. Das klingt bisher alles so, als hätte ich keine lust auf das alles. Als würde ich vielleicht so in einer Sinnkrise stecken oder so - so schlimm ist es dann doch nicht, ABER: Man kann, denk ich mal, zusammenfassend festhalten: Deutsche hassen Musik. Deutsche hassen Neues. Deutsche hassen Fortschritt und sind wirklich ein Volk, dass auf Kunst und Unterhaltung nicht wirklich viel gibt. Jeden, den man trifft und von Vorhaben erzählt, hat immer erst einmal ne Latte an Argumenten, wieso das Projekt NIEMALS funktionieren wird. Klar spornt das an, aber so nach dem vierhundertsten Gespräch hält irgendwann auch die Resignation Einzug. Um auf die Frage zurückzukommen. Es wird einfach anders. Ich kann es nicht erklären. Die Songs sind zwar sehr straight und auf den Punkt, aber in sich ist jeder ein Bastard aus zig Musikrichtungen, ohne aber die Leute zu überfordern. Ich hoffe, dass das auch ankommt!
Bexx: Deine Alben waren bisher zu größeren Teilen immer sehr nachdenklich, melancholisch. Wie schreibst du deine Texte? Gibt es auch Momente, in denen du denkst ‚jetzt mache ich ein richtiges Party-Album?
Casper: Wenn ich ein KIZ-Album höre, dann ärgert es mich, dass so etwas zu schaffen einfach nicht in meiner Natur liegt. Wenn ich sehe, was bei einem Atzenkonzert abgeht, dann hätte ich auch gerne so ein „Disco Pogo“ ... Aber ich weiß, dass es einfach nicht meine Art ist. Vielleicht geht sowieso alles auch dahin, dass Casper-Konzerte nur noch bestuhlt sind, hahahaha. Nur noch so Dozentenpublikum. Künstler in Ponchos mit Umwerfschals aus Seide. Nüsse und Mineralwasser. Danach große FAQ-Runde mit Rede und Antwort. Hauptsache gut drauf sein und coole Kunstgespräche führen, unterm offenen Sternenhimmel des Amphitheaters der lokalen Boheme. ;)
Bexx: Wie arbeitest du mit den Produzenten deiner Beats zusammen? Hörst du dir einfach Stücke an, die sie fertig haben, oder gehst du mit festen Ideen in Gespräche mit denen und lässt sie dann machen? Mit welchen Produzenten arbeitest du für dein neues Album zusammen?
Casper: Wir haben alles, kein Witz, bis jetzt komplett über ICQ zusammen produziert. Der Tikay wohnt ja in Chemnitz und ich zu der Zeit noch in Bielefeld. Bin ja nun so ein Berlin-Zugezogener Scheißtouri.
Wir haben viel Musik gehört, zusammen die Themen des Albums besprochen, uns gegenseitig Skizzen hin und her geschickt, manchmal ich auch so beschissen mit Stiften auf leeren Tellern und Dosen herumgeklopft, um ne Drum-Struktur klarzumachen. So absurd das auch klingt, GENAU mein Ding. Dieses im Studio zusammen abhängen und auf Ideen rumzureiten, und da Sachen fertigmachen, das kann ich nicht. Da bin ich schon ziemlich anstrengend, was so etwas angeht. Es waren dann immer so Gespräche wie „lass uns die Bassline doch grimemäßig abmischen, die Drums aber warm und folkig lassen ... Wenn wir die Melodie distorten, klingt das richtig kaputt, aber dennoch herrlich schön.“ Und dann ging es los. Klingt irrsinnig, ist aber toll. Und Tikay der beste Produzent der Welt.
Bexx: Nachdem sich viele Leute sicherlich gewundert haben, dass du bei Selfmade Records gelandet bist, hat sich die Aufregung mittlerweile etwas gelegt? Im vergangenen Jahr hattet ihr eine Titel-Story in der Backspin, die Interviews da fand ich eigentlich gar nicht schlecht, weil mir die Idee gefällt, dass ein Label nicht nur dem Buddy-Hype eines erfolgreichen Rappers dienen sollte. Wie siehst du die ganze Sache als Beteiligter, wie empfindest du die Arbeit mit so unterschiedlichen Künstlern, wie Selfmade sie unter Vertrag hat?
Casper: Mich hat die Zeit fertig gemacht. Da bin ich richtig depressiv und paranoid geworden. Was zu der Zeit alles los war, kann man sich nicht vorstellen. Da waren wir auf MTV, Viva, Covers von Zeitschriften, Youtube-Millionen, ausverkaufte Tournee, der Song war überall - und dann läufst du durch die Stadt und merkst wie alle paar Meter Leute tuscheln.
Besondere Situationen: in Bielefeld am Hauptbahnhof bedroht werden, von wegen, dass ich mir ein Messer fangen würde und auf die Fresse verdient hätte und aufpassen soll was ich tu, und so. Dann steh ich in der H&M-Umkleide und Leute schieben Zettel unter die Tür durch. Da bin ich wirklich nervlich komplett am Ende gewesen, da kann man sich nur vorstellen, nur erahnen, wie es wirklich bekannten Menschen gehen muss. Diese Szene-Spaltung war irre. Auf der einen Seite teilweise fanatische Anhänger, dann aber auch die Drohmails, „trittst du hier auf, töten wir dich“. Und das alles ohne jemals irgendein schlechtes Wort über jemanden verloren zu haben. Einfach per Umfeld über einen Kamm geschoren worden. Früher war Casper als Artist immer auch gleich der nette, alberne Benjamin. 100% deckungsgleich. Über diese Phase im letzten Jahr habe ich gelernt, das zu trennen. 70-30. Es geht einfach nicht anders, sonst lässt man alles an sich ran.
Bexx: Was glaubst du, wie groß kannst du im HipHop noch werden? Nachdem die einschlägigen Magazine dir das Label ‚Emo-Rapper‘ verpasst haben, wie schwer ist es, aus so einer Schublade wieder rauszukommen, wie sehr kannst du dich mit dem Label identifizieren und in wie weit glaubst du, dass das eine sich etablierende Form des Rap ist (ähnlich einer Entwicklung wie Screamo oder Metalcore aus dem Hardcore- und Metal-Segment)?
Casper: Ach - wie groß, wie groß ... Nur weil sich andere die Köpfe heiß reden, was und wer das nächste große Ding sein könnte, weigere ich mich, da mitzumachen. Ganz bestimmt mache ich jetzt keine überstürzte Platte, nur um hungrige Mäuler zu befriedigen. Gute Musik wird auch ein halbes Jahr später noch gute Musik sein. Und wenn es das dann nicht ist, wenn es wirklich alles nur ein Internethype war - dann bedanke ich mich halt für die nette Zeit und mache was anderes. Die Welt geht doch nicht unter, nur weil gereimte Worte den Lebensinhalt nicht bescheren. Wie bescheuert muss man denn sein, um das allen Ernstes zu fordern? Im Rap-Bereich habe ich mit fast jedem getourt und gearbeitet, der mich interessiert. Teilweise auch mehrfach. Das sind Leute, die ich mag, schätze, ehre und respektiere. Viel mehr würde es mich interessieren, vielleicht mal auf dem Pressure Fest zu spielen, in der Fuze zu sein, OX, Wahrschauer, Visions, ne Tour mit Turbostaat oder so was. Das wäre wirklich eine Herausforderung. Leute auf Musik anzufixen, die sie im Grunde lächerlich finden.
Bexx:In der Vergangenheit hast du in Hardcore-Bands gesungen, deine Shows erinnern oftmals mehr an solche Veranstaltungen, als an klassische HipHop-Events. In wie weit bist du nach wie vor in dieser Szene verwurzelt, was bringt dich dazu, doch lieber HipHop als Ausdrucksform zu wählen?
Casper: Leider habe ich nie ein Instrument spielen gelernt. Aber sehr früh angefangen zu rappen. Das kann ich. So ein bisschen. Worte gut klingen lassen, instinktiv auf einem Rhythmus nen Jambus zu haben, der okay klingt. Gute Wortwahl. Es ist doch einfach auch aufregender, einer anderen Szene nen neuen Anstrich zu geben, als in seiner angestammten Szene zu bleiben. Ausbrechen, hinfallen, aufstehen, arbeiten, kämpfen, überzeugen. Vom Anfang bis zum Punkt der Akzeptanz heute, das war ein krass langer Weg. Da haben wir uns Sachen anhören müssen, das glaubt man nicht. Von Leuten, die auf das Grab meiner Mutter pissen wollten bis hin zu Morddrohungen, weil ich in den Augen vieler Leute homosexuell war. Das muss man sich überlegen! Das ist in der Rapszene so! Das GIBT’S NOCH! So richtig krass unbegründeter Homosexuellenhass. Vollkommen absurd. Leute, die sich wegen Musik prügeln. Die da so ne Bandensache draus machen. Wenn man das einem Wesen von einem anderen Planeten erzählen würde, der würde sich doch sofort wieder verpissen.
Bexx: Viele Künstler, die HipHop in der ein oder anderen Weise in Deutschland groß gemacht haben, sind mittlerweile zu groß, um sie noch als wirklichen Teil einer Subkultur sehen zu können. Wie stehst du zu den Erfolgen von Leuten wie den FANTASTISCHEN 4, FETTES BROT, BUSHIDO und SIDO?
Casper: Ich gönne jedem alles. Vielleicht gönnt es mir keiner, vielleicht wird es nichts mit mir und Erfolg auf deren Stufe. Monetär gesehen. Erfolg definiert sich über Zufriedenheit und selbstgesteckte Erwartungen. Und wenn ich Erfolg daran messen würde, wie ich mir vor drei Jahren mal realistische ziele gesteckt habe, bin ich der erfolgreichste Künstler der Welt. Für mich.
Bexx: Du pflegst ja eine längere Freundschaft mit Staiger, der viele Jahre mit Royalbunker ein Label laufen hatte, dass von seiner Bedeutung her vielleicht ähnlich der Bedeutung von FAT WRECK, EPITAPH und den frühen VICTORY RECORDS für die Punk- und Hardcore-Szene ist. Empfindest du Bedauern, wenn du siehst, dass so ein Label dicht macht, oder ist das der Lauf der Dinge, weil die Zeiten sich ändern?
Casper: Royalbunker war ja viel mehr als ein Label. Das war ja mehr so wie Fan eines Sportclubs zu sein. Man hat den Bunker einfach gefeiert! Zwischendurch mal Hass auf den Trainer wegen einer blöden Verpflichtung, oder wenn die Mannschaft mal nicht gut gespielt hat. Doppelte Freude über Aufstiege, Erfolge, Triumphe. Und somit auch die Knopflochtränen, wenn es dicht macht. Ich kann sagen, dass, als ich Teenager war, Royalbunker halt der Shit war. Kassetten. KASSETTEN! Lo-fi, anti, in jede Richtung gerotzt, scheißegal wie. Schade drum. Aber Staiger ist für mich eine Persönlichkeit, die in dieser Kultur nicht den gebührenden Respekt bekommt, der ihm eigentlich zustünde.
Bexx: Für die Leute, die fetzordie besuchen und zu einem größeren Teil sicher nicht dem typischen HipHop-Hörer entsprechen, welche fünf Alben würdest du den Leuten ans Herz legen, um ihnen zu zeigen, was HipHop ist und wie er zu dem geworden ist, was er ist?
Casper: Ganz klar momentan von tua das „Grau“-Album. Dann von tua noch die „inzwischen“-EP. Marsimoto würde ich zeigen, den „Stage divin“-Song. Morlockk Dilemma und Hiob mit der „Apokalypse jetzt“-LP, das Kaas-Album und ausgewählte stücke von Vega. Dann würde derjenige wohl ein gutes Bild davon bekommen, was heute so geleistet wird.
Bexx: Welche Alben würdest du umgekehrt einem HipHopper vorspielen, um ihm zu erklären, was Punk und Hardcore für dich bedeuten?
Casper: American Nightmare – Background Music; Modern life is war – My love my way; Rocky Votolato – Suicide Medicine; Crime in stereo – The troubled stateside und Mental – Get an oxygen tank. Dazwischen immer so ein paar Black Flag-Hits, Cro-Mags Sachen, und ein bisschen Joy Division. Das sind so die Alben die ich immer wieder, bei jedem mal hören, fühle. OH OH OH! Und die ‚Born to run‘ von Springsteen UND Alles von Gaslight Anthem. Gaslight Anthem sind die beste Band der letzten 27 Jahre. So unfassbar gut.
Bexx: Letzte Worte?
Casper: So36 BLEIBT!
www.myspace.com/caspermc
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